Ich frage einfach mal - Antje und ihre 42 Schlittenhundfreunde aus der Mongolei

4/13/2015





Meine liebe Arbeitskollegin Antje, ist nicht nur eine tolle Eventmanagerin und Gastrotante, sie macht auch lauter verrückte Sachen, über die ich immer nur staunen kann und mir wünsche, ich hätte doch so ein ganz klein wenig von ihrem Mut abbekommen. Ich bin allerdings eine alte Schissbuxe, was sich wohl auch nicht mehr ändern wird. So werde ich sicher nie durch den Dschungel von Nicaragua tingeln, durch Zanzibar schippern, durch Kolumbien tappern oder wie zuletzt, mich von 42 Schlittenhunden über einen gefrorenen See in der Mongolei ziehen lassen. Sie ist allerdings nicht nur unglaublich mutig und abenteuerlustig, sie ist ein absoluter Schatz, lustig, herzlich, offen und hat so ein zauberhaftes Lachen, dass man einfach selbst auch ein Lächeln im Gesicht hat.


Doch ich muss gestehen, dass mich ihr letztes Reisevergnügen wirklich gefesselt hat und ich die drei Wochen, die sie weg war, gefiebert habe und vor Spannung fast geplatzt bin. 42 Schlittenhunde und eine überwältigende Landschaft, mit der man einfach so im Einklang lebt und alles hinter sich lassen kann. Vor allem hatte ich nicht wirklich eine Vorstellung von dem, was man in der Mongolei zu sehen bekommen wird. Alles was man über dieses Land weiß, ist doch recht klischeebehaftet und dreht sich doch meist um Kamele und Wüste. Dazu kam dann die Hundeschlittenfahrt, die ich natürlich als so großer Hundefan besonders interessant fand und es kaum erwarten konnte, wie sie das Miteinander mit den Hunden erleben wird. 42 Hunde, klirrende Kälte, ein zugefrorener See und eine grenzenlose Landschaft, was für ein ganz besonderes Abenteuer. Mir brennen so viele Fragen unter den Nägeln und es ist gar nicht so einfach die Fragen so zu begrenzen, das nicht ein kleiner Roman entsteht. Ich habe mich bemüht, die für mich wichtigen Fragen zu stellen, schließlich hat sie so viel Zeit mit so tollen Hunden verbracht, da muss es viel zu erzählen geben.


Letzten Sommer hast Du ca. vier Wochen im wunderschönen und warmen Nicaragua verbracht. Kurze Zeit später, als Du wieder in Leipzig warst, plantest Du den nächsten Trip: neun Tage Schlittenfahrt in der Mongolei bei minus 30 Grad. Mir fiel da die Kinnlade runter. Wie kommt man denn auf so eine Idee? 

Ja, da ist selbst mir die Kinnlade runtergeklappt… Mein lieber Freund Sebastian – er lebt in Ulan Bator – behauptete kühn „Na warm kann ja jeder, versuchs doch mal mit Kälte“ und lud mich kurzum ein, mit ihm eine geführte Hundeschlittentour zu machen. Als er mir dann noch ein Buch aus der Mongolei schickte, welches er selber mit Text und Fotos vom Land gestaltete, hatte er mich schon überzeugt. Ich hatte wirklich null Ahnung, was mich dort erwarten würde, aber es klang nach Abenteuer. Und dafür bin ich ja immer zu haben.


Dann ging es los und ich gab Dir zwei Bücher mit auf die Reise: Einmal ein Schnellkurs in Mongolisch und zum anderen ein Mushing-Grundkurs. Hat dir das überhaupt geholfen, oder kommt dann doch alles anders, als man denkt (oder liest)?

Oh, ich habe mich riesig über beide Bücher gefreut. Das läutete die Reise noch vor Antritt ein und machte Lust auf mehr. Mongolisch für Anfänger… Naja, mongolisch ist eine wirklich andere Sprache. Englisch ok, Spanisch spreche ich auch, hatte Latein jahrelang in der Schule, aber leider kein Russisch… Also ist Mongolisch doppelt schwer: kyrillische Schreibweise und kein einziges Wort konnte ich mir irgendwoher leiten. Ich glaube, 2 Kapitel habe ich geschafft und hängen blieb „Am“ für Mund/Hunger J. Während der Tour haben wir englisch und französisch geredet und mit Einheimischen ein bisschen englisch. Doch für einen Kuss des nächtens in einer Jurte, nachdem mir ein lieber mongolischer Feuermann half, den erloschenen Ofen wieder anzuwerfen, genügte das mongolische Wort „Bajrlaa“ [beietla] für „Danke“.  Das werde ich wohl nie vergessen. Aber, wenn es die Zeit erlaubt, werde ich mir dieses Buch nochmals vornehmen, jetzt wo ich ein bisschen mehr Verständnis für die Sprache habe – eine wirklich magische Sprache, wie das Land selbst.
Das Mushingbuch habe ich schnell durchgelesen. Mit deiner Vermutung, dass vor Ort alles anders kam, hattest du schon Recht. Wir brauchten keine Kommandos für die Hunde, außer: Hopp, hopp für „los“, Ho-ho-ho-stop für „langsamer und stop“. Sonst habe ich einfach deutsch mit ihnen geredet. Mir erschien die Kommunikation mit den Hunden über meine Stimmlage wichtiger, als dass sie jedes Wort verstehen. So habe ich jeden Tag meine Freude, Dankbarkeit und manchmal auch Trost (wenn das Eis krachte) über freudigen Lobgesang, Anfeuerrufe, beruhigende, tiefe Stimme zum Ausdruck bringen können (nur gut, dass mich niemand gehört hat). 


Was würdest Du sagen, war das schönste Erlebnis in diesen Tagen auf dem Schlitten?

Ui, das ist schwer, gab es doch so viele schönste Erlebnisse. Aber, ich entscheide mich: Es war der 3. Tag. Wir erwachten, tranken Kaffee, packten unsere Sachen, beluden die Schlitten, versorgten die Hunde, leinten an. Es war täglich derselbe Ablauf, aber immer ganz entspannt. Niemand hatte eine Uhr. Die Dinge brauchten eben solange sie brauchen. Es waren ca -20 Grad, strahlender Sonnenschein, blauer Himmel. Mütze, 5-lagig obenrum, 3-lagig untenrum. Die Schlitten sind fertig. Die Hunde sind aufgeteilt und stehen in den Startlöchern bellen und hüpfen. Das Adrenalin schießt mir durch den Körper, die Hunde wollen, nur die Natur schläft unterm schützenden Frost, der See liegt unberührt vor mir mit 1,5m Eisschicht, an diesem Tag von Schnee bedeckt. Der 1. Schlitten rauscht los, ich stehe auf der Bremse, rufe ho-ho-hooo, noch nicht, erst ein bisschen Abstand lassen, dann ziehe ich den Anker, gehe von der Bremse und looooos geht’s – wusch, wohooo! Wahnsinn. Die weiße Decke dämpft alle Geräusche. Die Hunde hecheln und schnorpsen mit 20km/h leise über den Schnee. Ich habe 500m Abstand zur Spitze, nur die Hunde, der Schlitten und ich und jetzt kommts: Ich schaue nach links und sehe die schneebedeckten Berge des Sajan Gebirges, welches den Khuvsgul-See im Westen umgibt. Die trockene Kälte lässt alle Konturen scharf erscheinen, weiche Hügel, Flussmündungen, Täler. Diese Weite! Diese Stille! Dieser Frieden! Ich muss nicht auf Unebenheiten achten, der Schlitten läuft ganz geschmeidig, die Hunde rennen und finden den weichen Boden spitze. Ich kann also in Gedanken schwelgen. Mir wird bewusst, an welch unberührtem Fleckchen Erde ich mich befinde, keine Strommasten, keine Autos, Straßen, Menschen, Hütten, nur Natur – soweit das Auge reicht. Ich fühle mich ganz klein und doch ummantelt von der Freundlichkeit des Landes, beschützt von meinen Sechsen, die mich sicher ziehen und bin mir trotz dessen bewusst, dass diese bergige Schönheit mit diesem riesigen See zu ihren Füßen eine raue Wahrheit verbirgt. Überleben kann nur, wer sich den Gegebenheiten des Landes am besten anpassen kann. Es kann nur mit der Natur gehen, niemals gegen sie, ein viel zu großer Gegner und dieser kennt kein Pardon. Ich bin dankbar für diesen langen Moment mitsamt aller Gefühle, die in mir hochkommen, ein bisschen demütig, dass mich der See gewähren lässt und freudigst, dass ich solch zuverlässige Begleiter vor dem Schlitten habe. Mir entrinnt eine Träne vor Glückseligkeit.


Und was war das Schlimmste? (Die Toilettensituation wäre sicher mein Horrorerlebnis gewesen.)

Ach, so richtig schlimm gibt es für mich eigentlich nicht, so lange es nicht ums nackte Überleben geht. So manche Dinge sind in anderen Ländern nur anders als zu Hause, wo man europäischen Standard gewohnt ist. Ja, die Toilettensituation war schon kein erheischendes Erlebnis J. Es gibt meist nur einen Holzverschlag, mal mit Tür, mal ohne, das sogenannte Plumpsklo, mal mit Kloschüssel, mal nur mit einem Loch im Boden, mal mit riiiesigen Gruben, in die man schauen kann (währenddessen) und Eiszapfengebilde sieht, die es schöner nicht in Höhlen geben kann. Bei der Tour gabs natürlich nur die Natur, was besser war als diese Verschläge. An Tag 4 kam ich ein bisschen ins Schwitzen: Mitten in der Nacht und ich musste mal, arrrgh, suchte auch nicht nach einem besonders dicken Baum, sondern nach einem „gleich um die Ecke“, denn es gab Wölfe. Die Hunde heulten dem Mond zu und ich war mir sicher, dass da eine Antwort aus anderer Richtung kam. Da kanns dann schon mal hektisch werden. Einem Wolf den blanken Hintern zu zeigen, ist sicher keine sehr vornehme Art, „Hallo“ zu sagen.
„Schlimm“ ist die Ernährung. Es gibt täglich Hammelfleisch, „Matten“ genannt. Ich esse Fleisch, aber dieses ist dann doch etwas speziell.
„Ungewohnt“ war es, 5 Tage ohne fließendes Wasser auszukommen. Wie wir uns nach 5 Tagen alle freuten, uns mit warmem Wasser waschen zu können. Was zu Hause selbstverständlich ist, gab es auf der Tour eben einfach nicht. Wir hatten unser Biwak und hatten warmes Wasser zum Zähneputzen. Aber keiner ist auf die Idee gekommen, sich bei -20 bis -30 Grad auszuziehen und sich draußen einer Wäsche zu unterziehen, huuuu. An dieser Stelle: ein Hoch auf Feuchttücher!
„Schlimm“ ist die politische und wirtschaftliche Lage der Mongolei und die damit einhergehende Situation der Bevölkerung, gerade der nicht so gut Situierten. Aber das würde an dieser Stelle wohl den Rahmen sprengen.


Bist Du eigentlich mit Hunden aufgewachsen? Denn momentan hast Du keinen Hund (oder ein anderes Tier) und sicher wundern sich da einige, wie man als Nicht-Hundebesitzer auf so einen verrückten Hundetrip kommt.

Ich hatte schon immer ein Faible für Tiere. Mit 10 hatte ich leider für nur 2 Jahre einen Cocker Spaniel „Tommy“, dann ein Zwergkaninchen „Mückchen“ und ein Meerschweinchen namens „Bingo“. Mit 12 begann ich zu reiten, hatte über 10 Jahre 2 eigene Pferde „Wendy“ und „Aylah“. Ich rettete Mietzen in Not und Kaninchen und schleppte alles, was fleuchte mit nach Hause. Auf dem Reiterhof sprangen natürlich immer Hunde rum. Tiere sind meine Freunde und ich habe keine Berührungsängste. Ich weiß gar nicht mehr, was mich so richtig überzeugt hat, diese Hundeschlittentour zu machen; das Erlebnis mit den Hunden (weil mans doch nur ausm Fernseher kennt) oder das Land an sich. Ich glaube, es war einfach meine Neugier.


Nach so vielen gemeinsamen Stunden mit so vielen Hunden war es irgendwann Zeit zum Abschied nehmen. Wie war der Abschied für Dich und vermisst Du die Hunde hier?

Oooh, ich habe geweint, still, in das weiß schwarz gefleckte Fell meiner Poppers. Sie ist eine ganz bezaubernde Leadhündin und hat ein großartiges Wesen, so herzerwärmend, kuschelig und zuverlässig an der Spitze. Wir haben nach getaner Arbeit lange beieinander gehockt, sie meist auf mir. Sie war die erste morgens, die ich begrüßte, danach kamen alle anderen 41. Schon gleich in der ersten Nacht nach der Tour (wir reisten noch 2 Tage per Minivan zurück nach Ulan Bator) vermissten wir, Sebastian auch, im Hotelzimmer liegend, das nächtliche Geheul der Hunde, das Schlafen im Biwak mit dem Wissen, draußen liegen 42 Süßigkeiten eingerollt und morgen geht’s wieder auf den Schlitten. Das hatte so was sagenhaftes, so was beruhigendes. Diese 9 Tage waren überwältigend, aber so gern ich auch die kleine „Euro“ in meine Parka-Tasche gestopft hätte, ich weiß, dass sie sich hier nicht wohlfühlen würde. Die Hunde sind bei Joel in der Mongolei am allerbesten aufgehoben.


Hast Du etwas von diesen Hunden gelernt, oder hast Du etwas von ihnen mitgenommen für Dein Leben oder Deinen Blick auf dieses?

Ich war überrascht, dass diese fremden Hunde mir gegenüber (und auch den anderen) von Sekunde 1 an so liebenswert und immer freundlich gesinnt waren, dass sich so schnell solch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Das bestätigt, dass es wichtig ist, unvoreingenommen auf das Fremde, ob Tier oder Mensch, zuzugehen, dass Angst nur einschränkt und dass diese Offenheit so viel zurückgibt. 


Ich nennen Dir jetzt drei Begriffe und Du sagst mir, was Dir dazu sofort durch den Kopf geht:

1.      Frostbeule – rechter kleiner Zeh
2.      Wolfsspur – wow, eines Morgens ums unser Biwak, fröstelnd, geheimnisvoll
3.      Arschgesicht – haha, unsere Nachbarskatze, die über unseren Balkon zu uns in die Wohnung hüpft und ne Ehrenrunde dreht, eine süße Maus! Mein Mitbewohner hat sie so getauft und eigentlich heißt die liebe Mietz „Zwergi“ und ist ein Kater


Hast Du schon Pläne für ein neues Erlebnis? Und wenn ja, verrätst Du mir, wo es hingeht?

Ja! Nochmal in die Mongolei. Wegen eines tollen Projektes – wir drehen eine Doku über die Musiker einer Jazz-Bigband, die durch das eigene Land tourt. Dabei sollen dieses Mal die Menschen im Fokus stehen. Warum? Um mal ein bisschen in die Tiefe zu gehen und mit all den Klischees (Kamele, Bogenschießen, Adlerjagden), die es über die Mongolei gibt, aufzuräumen. Das wird aufregend und eher kein Urlaub, aber ich will und muss!


Mit welchem Tier kannst Du Dir vorstellen mal Dein Leben zu teilen? Und welches Tier sollte lieber nicht an Deiner Wohnungstür klopfen?

Hach, ich bin ja eigen, was Tierhaltung angeht. Mir wurde mal ein Nymphensittich geschenkt (ich rate davon unbedingt ab, Tiere zu verschenken). Schnell kaufte ich eine passende Dame dazu und sie durften durch die ganze Wohnung flattern, weil es mir leidgetan hätte, dass sie keine Runden fliegen können. Einen Hund würde ich mir daher nur anschaffen, wenn ich ein Grundstück hätte. Das kann dauern, aber ich bin optimistisch. Vielleicht ein Nacktmull? Die sind ja ganz zauberhaft und schlafen viel.
Eine Mietze könnte es leider nie sein, da ich allergisch bin – komisch, woher das kam. Und jegliche Spinnenart darf gern einen weiten Bogen um meine Tür machen.

Liebe Antje, ich danke Dir für Deine Zeit und Deine Antworten! Ich freue mich schon auf das nächste Kaffeepäuschen demnächst auf Arbeit.


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6 Kommentare

  1. Mir fallen gerade überhaupt keine passenden Worte ein.
    Danke für dieses tolle Interview. Ich bin völlig fasziniert vom Lesen und habe feuchte Augen - einfach, weil ich es mir genau so wunderschön vorstelle.
    Eine Tour mit Schlittenhunden davon habe ich schon als kleines Mädchen geträumt... und dieser Traum wird definitiv auch irgendwann in Erfüllung gehen. Ich bin überzeugt, dass das ein Erlebnis ist, welches man nie vergisst.

    Danke für diese herrlichen Einblicke!
    Gepunktete Grüße
    Katharina mit Milo

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    1. Liebe Katharina,
      da hast Du so recht und ich musste heute beim ersten Lesen auch ein Tränchen verdrücken. Ob nur solche Hundemenschen, wie wir es wohl sind, uns da so reinführen können?

      Seid lieb gegrüßt
      Katja

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    2. Liebe Katja,
      manchmal glaube ich das wirklich - aber dann sehe ich da meine Freundin neben mir, die keinen 4-beiner besitzt und die genau so fasziniert ist von diesem Interview.
      Vielleicht sind es aber übermäßig Frauen -die sehr nah am Wasser gebaut sind- die sich in so einem erzähltem Erlebnis verlieren können?! ;)

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  2. Liebe Katharina & Milo, das berührt mich wiederum sehr, dass dieses Interview berührt. Danke für deinen lieben comment! Und natürlich auch ein dickes Danke an meine Lieblingschefin fürs "Drüberredendürfen" ;-)

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    1. Du dankst mir bitte nicht, Du Liebe! Ich muss Dir für so viel "mit in die Ferne schweifen", Gänsehaut und mit frieren danken. :)

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    2. Danke Euch beiden für diesen schönen content! ;)

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